life-science Karriere Services, Foto: © Melvin Wahlin_pexelsWie weit darf der Sport gehen und was kann er bewegen? Thomas Gremsl vom Institut für Ethik und Gesellschaftslehre der Universität Graz setzt sich mit diesen Fragen auseinander und zeigt ethische Grenzen auf.

Der Spitzensport bewegt sich oftmals an der Grenze zwischen bewundernswerter Leistung und Verantwortungslosigkeit, vor allem im Hinblick auf Doping, Verletzungen und Umweltsünden. Hierzu beschäftigt sich Thomas Gremsl. Er ist Universitätsassistent am Institut für Ethik und Gesellschaftslehre an der Universität Graz und  forscht in den Bereichen Ethik (Sozialethik, Sportethik) und Digitalisierung.

Moral & Blickwinkel

Viele Entwicklungen im Sport ernten von interessierten Beobachter*innen oft ein Kopfschütteln. Bei astronomischen Transfersummen, schweren Verletzungen und teils tödlichen Unfällen drängt sich bei Sportfans oft die Frage auf: „Sind denn die alle noch normal?“
„Es kommt wie überall auf den Blickwinkel an“, relativiert der Ethiker Thomas Gremsl. Denn da ein SportlerInnendasein generell nur kurz ist, sei es durchaus legitim, scheinbar unverhältnismäßig viel zu verdienen. Außerdem sei Spitzensport nur durch eine spezielle Förderung von besonderen Talenten möglich, was mit hohem finanziellen Aufwand verbunden sei. Hier gebe es auch wenig moralische Schwierigkeiten, weil die SportlerInnen von sich aus „wollen“ müssten und nicht gezwungen würden. Bedenklich werde es beispielsweise, wenn man Kindern aus ärmeren Ländern vermeintliche Perspektiven aufzeigt, um sie nach Europa zu locken. „Diese jungen Menschen kennen das System noch nicht, haben kein Bewusstsein und keine Vorstellung, was sie erwartet. Da könnte man dann tatsächlich von Ausbeutung sprechen“, macht Gremsl den Unterschied deutlich.

Verpflichtung & Verantwortung

Wo beginnt und endet die Verantwortung der einzelnen Athlet*innen und welche Rolle spielen Veranstalter*innen, Medien und Gesellschaft?

Formel-1-Fahrer, die sich mit über 360km/h Duelle liefern, Ski-Fahrer*innen, die ihr Leben auf steilen, eisigen Pisten riskieren. „Diese AthletInnen setzen sich bewusst über alle Grenzen hinweg“, erklärt Gremsl. Damit würden für sie aber andere Rahmenbedingungen gelten. „Es muss immer schneller, spektakulärer und cooler werden.“

„Die Gesellschaft lebt von Selbstbestimmung, auch im Sport. Eine Grenze ist aber dann überschritten, wenn durch den Druck der Medien oder der Fans über das Schicksal der AthletInnen verfügt wird.“ – Thomas Gremsl, Universität Graz

Gremsl selbst sieht hier nur bedingt ein moralisches Dilemma, da die Gesellschaft auf Eigenverantwortung und Selbstbestimmung baut. Problematisch werde es aber dort, wo der Druck der Medien, der Fans oder der Gesellschaft so hoch wird, dass quasi über das Schicksal der Sportler*innen verfügt werde. „Dann ist definitiv eine Grenze überschritten“, meint Gremsl und pocht auf das in der Ethik stets geforderte „richtige Maß“.

Weniger ist mehr

Eine weitere Grenze die der Sport viel zu oft überschreitet, ortet der Forscher in der Umwelt. Denn wo die Berglandschaften nachhaltig geschädigt werden, die ansässige Bevölkerung delogiert wird und Arbeiter*innen unter sklavenähnlichen Verhältnissen an Fußballstadien in der Wüste arbeiten müssen, würde der Sport eindeutig zu weit gehen.

„Es geht in der Ethik nämlich nicht um „Ja“ oder „Nein“, sondern vielmehr um „Mehr“ oder „Weniger“. Es geht, wie erwähnt, um das richtige Maß. Wir werden leider nicht dazu erzogen, mit der Macht des ständigen technischen Fortschritts angemessen umzugehen, vergessen oftmals, dass wir damit auch tatsächlich Verantwortung für unsere Handlungen zu tragen haben. Wir meinen, alles machen zu müssen, wozu wir in der Lage sind – einfach, weil wir es können. Und das ist eines unserer größten Probleme.“ – Thomas Gremsl, Universität Graz

„Denn prinzipiell kann Ethik helfen, Perspektiven für eine positive Fortentwicklung des Sports zu eröffnen. Der Mensch und dessen sportliche Leistungen sollten im Mittelpunkt bleiben und nicht von wirtschaftlichen, politischen oder anderen Aspekten verdrängt werden.“

 

Die detaillierten Ausführungen Gremls finden sich in der neuen Online-Ausgabe der Unizeit von Joachim Hirtenfellner: https://uni-graz.e-publikation.de/de/unizeit-1-2/iber-and-gremsl/gremsl

 

Kontakt für Rückfragen:

Mag. Thomas Gremsl
Institut für Ethik und Gesellschaftslehre der Universität Graz
thomas.gremsl@uni-graz.at

 

(LB)
Quelle: Universität Graz
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