Ein internationales Forschungsteam unter Leitung der Medizinischen Universität Graz hat einen zentralen Angriffspunkt des FSME-Virus im menschlichen Körper entdeckt. Die durch Zecken übertragene Frühsommer-Meningoenzephalitis verursacht schwere Entzündungen des Zentralnervensystems – eine spezifische Therapie fehlte bisher.

Eine der größten FSME-Studien weltweit

Unter der Leitung von Werner Zenz, Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde, kooperierte die Med Uni Graz mit Partnern aus neun europäischen Ländern. Insgesamt wurden 1.600 Patientinnen und Patienten genetisch untersucht. Die Erstautoren Piyush Gampawar und Manfred Sagmeister analysierten rund 700.000 genetische Varianten pro Person mittels genomweiter Assoziationsstudie und verglichen diese mit gesunden Kontrollgruppen.

ABCG1 als möglicher „Türöffner” für das Virus

Dabei stießen die Forscher auf eine auffällige Variante im ABCG1-Gen, das eine zentrale Rolle im Cholesterinstoffwechsel spielt: Es transportiert Cholesterin aus den Zellen an die Zelloberfläche. Bestimmte Varianten dieses Gens stehen mit einem erhöhten FSME-Risiko in Zusammenhang. Noch bedeutsamer: Wird das Gen in Zellkulturen blockiert, vermehrt sich das FSME-Virus deutlich schlechter. „Unsere Ergebnisse sprechen stark dafür, dass ABCG1 ein zentraler Angriffspunkt des FSME-Virus im menschlichen Körper ist”, erklärt Werner Zenz. „Damit eröffnen sich völlig neue Perspektiven für das Verständnis der Erkrankung – und langfristig möglicherweise auch für therapeutische Ansätze.”

Relevanz für Österreich

Obwohl eine gut verträgliche Impfung mit hoher Schutzrate existiert, werden in Österreich jährlich zwischen 100 und 200 FSME-Fälle registriert. Die Erkrankung verläuft häufig schwer: Etwa jede zweite erwachsene Patientin bzw. jeder zweite Patient weist bei Spitalsentlassung bleibende Einschränkungen auf, rund zehn Prozent erleiden vorübergehende Lähmungen, die Sterblichkeit liegt bei etwa einem Prozent.

Blick in die Zukunft

Künftige Studien sollen klären, ob eine gezielte Beeinflussung von ABCG1 den Krankheitsverlauf positiv verändern kann – und ob dieser Mechanismus auch bei anderen viralen Entzündungen des Zentralnervensystems eine Rolle spielt.

Publikation:
Genome-wide association study identifies ABCG1 as a susceptibility locus for tick-borne encephalitis
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2589004225022783

Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Univ.-Prof. Dr. Werner Zenz
Klinische Abteilung für allgemeine Pädiatrie
Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde
Medizinische Universität Graz
Tel.: +43 680 20 52 292 | werner.zenz@medunigraz.at

GZ
Quelle: Medizinische Universität Graz
Foto: (c) Med Uni Graz/Lunghammer