Foto: (c) Dirk Pothen / pexels.comJahrzehnte des Klimawandels sind auch an Europas Gebirgsvegetation nicht spurlos vorübergegangen. Eine internationale Langzeitstudie zeigt: Alpine Pflanzengemeinschaften entwickeln sich deutlich in Richtung wärmeliebender Arten – wie stark, hängt jedoch überraschend wenig von der lokal gemessenen Erwärmung ab, sondern vor allem von den Bedingungen vor Ort.

724 Beobachtungsflächen auf 53 Gipfeln

Für die Studie analysierte ein internationales Forschungsteam unter Leitung von Wissenschaftler*innen der Universität Wien, der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und der Universität für Bodenkultur Daten von 724 Dauerbeobachtungsflächen auf 53 Gipfeln, verteilt über alle wichtigen europäischen Gebirgsregionen. Die Flächen wurden über 21 Jahre hinweg viermal im Rahmen des globalen Monitoringnetzwerks GLORIA untersucht – dem bislang umfassendsten Monitoringprogramm zu den Auswirkungen des Klimawandels auf die Vegetation von Berggipfeln.

“Unsere Daten belegen eindeutig, dass sich die Vegetation auf europäischen Berggipfeln verändert und wärmeliebende Arten an Bedeutung gewinnen”, erklärt Johannes Hausharter von der Universität Wien, Erstautor der Studie. “Doch die Geschwindigkeit dieser Veränderungen hängt offensichtlich nicht allein von den steigenden Temperaturen ab.”

Lokale Bedingungen überlagern den Effekt des Klimas

Die Forschenden verglichen die beobachteten Vegetationsveränderungen mit einer Serie unterschiedlicher Kennwerte des Temperaturklimas aus verschiedenen Datenquellen. Trotz dieses umfangreichen Datensatzes blieb der Zusammenhang zwischen Temperaturanstieg und Vegetationsveränderung auf lokaler Ebene begrenzt. Als besonders wichtig erwies sich stattdessen die Einbettung der Beobachtungsflächen in die Umgebungsvegetation: Wie die alpine Vegetation auf den Klimawandel reagiert, hängt nicht nur davon ab, um wie viel Grad es wärmer wird, sondern auch davon, ob bereits andere wärmeliebende Arten in der Umgebung vorhanden sind, so Projektleiter Stefan Dullinger von der Universität Wien.

Klimawandel bleibt der übergeordnete Treiber

Trotz der komplexen lokalen Dynamik betonen die Forschenden, dass der Klimawandel die wesentliche Ursache der beobachteten Veränderung ist. Das zeigt sich, wenn die Daten der einzelnen Beobachtungsflächen aggregiert werden: In Gebirgen, die sich stärker erwärmt haben, zeigt die Gipfelvegetation im Durchschnitt auch eine stärkere Thermophilisierung. “Mehr Erwärmung bedeutet tendenziell mehr wärmeliebende Arten, aber im Einzelnen reagiert jeder Gipfel etwas anders”, erläutert Hausharter.

Langfristiges Monitoring bleibt unverzichtbar

“Langfristige Monitoringprogramme liefern unverzichtbare Einblicke für das Verständnis alpiner Ökosysteme und ihrer Vegetation”, betont Harald Pauli, Leiter des GLORIA-Netzwerks an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und der BOKU. “Um die Zukunft der Biodiversität in den europäischen Hochgebirgen besser vorhersagen zu können, müssen wir diese Programme fortsetzen und auch inhaltlich ausbauen.”

Fazit

Die Studie zeigt, dass die Folgen des Klimawandels selbst in sensiblen Ökosystemen wie den europäischen Hochgebirgen differenzierter sind als bislang oft angenommen. Für den Naturschutz bedeutet das: Verlässliche Vorhersagen für einzelne Berggipfel erfordern nicht nur Temperaturdaten, sondern auch ein besseres Verständnis der lokalen Ausgangsbedingungen – und vor allem die Fortsetzung langfristiger Monitoringprogramme.

Wissenschaftliche Kontakte:
Johannes Hausharter, BSc. MSc, Department für Botanik und Biodiversitätsforschung, Universität Wien, E: johannes.hausharter@univie.ac.at
Univ.-Prof. Mag. Dr. Stefan Dullinger, Department für Botanik und Biodiversitätsforschung, Universität Wien, T: +43-1-4277-54379, E: stefan.dullinger@univie.ac.at

GZ
Quelle: Universität Wien

Foto: (c) Norbert Helm / Universität Wien