Foto: (c) Andy Kennedy_unsplashForschende der Veterinärmedizinischen Universität Wien haben ein bislang unbekanntes aviäres Pegivirus beschrieben, das mit Enzephalitis bei Rothühnern in Verbindung steht. Die in Nature Communications veröffentlichte Studie liefert erstmals überzeugende Hinweise darauf, dass Pegiviren – lange als weitgehend harmlos geltend – das Nervensystem verschiedener Vogelarten infizieren und neurologische Erkrankungen auslösen können.

Zwischenfälle mit neurologischen Symptomen

Ausgangspunkt der Forschung waren natürliche Ausbrüche neurologischer Erkrankungen bei Rothühnern in Frankreich. Betroffene Tiere zeigten Symptome, die mit Erkrankungen des zentralen Nervensystems vereinbar sind. Erste diagnostische Tests auf bekannte aviäre neurotrope Viren – darunter West-Nil-Virus, Usutu-Virus, aviäres Influenzavirus, Newcastle-Krankheitsvirus und aviäres Enzephalomyelitisvirus – fielen negativ aus. Histologische Untersuchungen von Hirngewebe deuteten jedoch stark auf eine virale Infektion hin.

Mithilfe von Next-Generation-Sequencing identifizierten die Forschenden Pegivirus-Sequenzen in betroffenen Tieren. “Pegiviren galten lange als Viren mit unklarer oder begrenzter krankheitsrelevanter Bedeutung. Unsere Ergebnisse zeigen, dass ein aviäres Pegivirus das Gehirn erreichen und mit Enzephalitis assoziiert sein kann – und eröffnen damit neue Fragen zur Biologie und Pathogenese von Pegiviren”, ordnet Ivana Bilic vom Klinischen Zentrum für Populationsmedizin bei Fisch, Schwein und Geflügel der Vetmeduni die Befunde ein.

Von der Feldbeobachtung zum Experiment

Ein zentrales Merkmal der Studie ist, dass die Befunde nicht nur auf Feldbeobachtungen beruhen, sondern auch durch experimentelle Infektionsstudien an verschiedenen Vogelarten gestützt werden. Rothühner, Rebhühner und spezifisch pathogenfreie Hühner wurden experimentell infiziert. Das Virus zeigte eine systemische Ausbreitung und Neurotropismus über die Arten hinweg. “Das Virus kann das Nervensystem verschiedener Vogelarten infizieren und bei Rothühnern unter experimentellen Bedingungen neurologische Erkrankungen sowie enzephalitische Läsionen reproduzieren”, fasst Studienleiter Miguel Matos die Kernergebnisse zusammen.

Zur umfassenden Untersuchung kombinierte das Team ein breites Methodenspektrum, darunter Next-Generation-Sequencing, phylogenetische Analysen, Histopathologie, Transmissionselektronenmikroskopie, RT-qPCR, RNAscope-In-situ-Hybridisierung, Immunhistochemie, Magnetresonanztomographie und experimentelle Infektionsstudien. “Diese Studie ist ein gutes Beispiel für klinisch getriebene veterinärmedizinische Forschung. Sie begann mit einem realen Krankheitsproblem, das im Feld beobachtet wurde, und entwickelte sich zu einer breit angelegten Untersuchung, die Pathologie, molekulare Virologie, Bildgebung und experimentelle Infektionsstudien kombiniert”, so Matos.

Fazit

Über die unmittelbare Relevanz für die Vogelmedizin hinaus schafft die Studie eine Grundlage für künftige Forschung zu Neurotropismus von Pegiviren, viraler Pathogenese und Wirt-Virus-Interaktionen. Sie unterstreicht zudem, wie wichtig die Verknüpfung von Feldbeobachtung, klinischer Veterinärmedizin, Pathologie, Bildgebung und molekularer Virologie für die Untersuchung neu auftretender Infektionskrankheiten ist.

Wissenschaftlicher Kontakt:
Miguel Matos, PhD, Klinisches Zentrum für Populationsmedizin bei Fisch, Schwein und Geflügel, Veterinärmedizinische Universität Wien, E: Miguel.Matos@vetmeduni.ac.at

GZ
Quelle: Veterinärmedizinische Universität Wien (Vetmeduni)

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